Leben XXL


Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Andrea Evers, Professorin für Gesundheitspsychologie.

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Christine

Christine Ritzenhoff // Redaktionsleiterin

Meine Freundin Jana fliegt in wenigen Tagen zum vierten Mal mit Mann und Sohn nach Australien. Fünf Wochen surfen, am Strand campieren, mit von Salzwasser und Sonne erblondeten Haaren uns Daheimgebliebenen via Facebook zuwinken. Meine Freundin Nele, auch Journalistin, ist gerade aus Island zurück, wo sie einen Monat lang als digitale Nomadin gearbeitet hat – davor war sie in Guatemala, und über Weihnachten nimmt sie ihren Laptop mit nach Bali. Und Manuela, eine freiberufliche Kollegin, hat im Frühjahr gleich all ihr Hab und Gut verkauft und ist losgezogen, die Welt zu erkunden – und ist nach Island und Schottland gerade in Irland. Oder, halt, doch schon wieder weitergezogen?

Schließlich lebt man nur einmal. Ja, so könnte man all diese Geschichten wohl untertiteln. Die in mir – die eigentlich am liebsten zu Hause ist, wo es gerade gefühlt jeden zweiten Tag regnet – die Frage aufwerfen: Sollte ich das auch tun? Einmal um die Welt reisen? Oder sogar eine Zeit lang im Ausland leben? Könnte ja sein, dass ich sonst irgendwann denke: Ich habe etwas Essenzielles verpasst. Habe nicht alles ausgekostet, was das Leben so zu bieten hat. Dass ich meinen Schweinehund hätte überwinden und mich doch einmal in den 20-Stunden-Langstreckenflieger setzen sollen. Doch dann fällt mir wieder ein, dass der Punkt „Um die Welt reisen“ auf unserer Bucket-List fehlt. Und dass zu den „100 Dingen, die man im Leben getan haben sollte“, stattdessen folgende gehören: Ohne Schuldgefühl Nein sagen. Etwas schwänzen. Wach liegen, bis man eine Sternschnuppe gesehen hat. Sehr laut singen (mit Kollegen am besten Heal the World von Michael Jackson!). Eine Rede für einen seiner Liebsten halten. Den Job kündigen. Verschenken, was man nicht mehr braucht. Den Eltern sagen, wie sehr man sie liebt … Alles Dinge, die ich schon getan habe. Und die jedes für sich mein Leben ein klein wenig reicher gemacht haben. Ohne, dass ich sie auf Facebook gepostet oder ein Beweisfoto davon gemacht hätte.

Wenn also Jana mir demnächst eine Karte mit ihren Liebsten vor Kängurus schickt und Nele ein Bild ihrer Hütte am Strand mailt, freue ich mich, dass sie an mich gedacht haben. Und verlasse mich weiterhin vollkommen auf mein Gefühl, dass Hamburg der Ort ist, an dem ich doch am liebsten bin. Punkt 81: erledigt.

Christine Ritzenhoff // Redaktionsleiterin