Ballettjunge und Räubertochter

christine_0084.jpg

Christine

Christine Ritzenhoff // Redaktionsleiterin

Neulich auf dem Spielplatz. Ein befreundeter Vater erzählt, wie es für seinen Vierjährigen ist, dass in der Kita-Gruppe vor allem Mädchen sind. „Jetzt will er sogar schon Ballett machen!“, sagt er, springt auf und macht grinsend vor, wie sein Sohn sich am Plié versucht. Der klettert derweil auf die Tischtennisplatte – meiner Tochter hinterher, die schon wild darauf herumhüpft. Ich denke: Perfekt, so soll es sein. Und sage: „Wenn du ihn wirklich zum Ballett gehen lässt, wäre das der Hit.“ Mädchen tanzen gern, sind sprachbegabt, brav und nicht so gut in Mathe. Jungen raufen gern, sind technisch begabt, risikobereit und nicht so gut in Deutsch. So weit das Klischee. Inwieweit wir daran schrauben können, wird viel und oft auch hitzig diskutiert. Was ist angeboren, was antrainiert? Ist Angela Merkel, die eher selten emotional wirkende Physikerin mit Machtanspruch, der sprichwörtliche „Ausreißer“? Oder der Beweis, dass jeder alles sein kann, egal welches Geschlecht er hat?

„Ja, Jungen und Mädchen sind unterschiedlich“, sagt Neuropsychologe Jelle Jolles in unserer Geschichte Das pubertierende Gehirn. Aber: „Diese Unterschiede sind nicht so groß, wie wir oft denken.“ Dass das weibliche Gehirn fürs Draufgängertum weniger gut programmiert ist und das der Männer es von sich aus nicht so mit vorausschauendem Denken hat, heißt nicht, dass man sich damit abfinden sollte. Denn, so Jolles: „Sonst können diese kleinen Unterschiede schnell sehr groß werden.“

Wie man seine Teenager-Tochter darin unterstützt, sich mehr auszuprobieren, und einen pubertierenden Jungen dazu bringt, auch über seine Gefühle zu reden, erklärt Jolles. Denn: Die Haltung von uns Erwachsenen bestimmt wesentlich mit, wie ein pubertierendes Gehirn sich entwickelt, egal welchen Geschlechts. Wer keinen Moment daran zweifelt, dass Ballett tanzende Jungs Applaus verdienen und Physikerinnen die Welt verändern können, hat also schon mal viel richtig gemacht.

Christine Ritzenhoff // Redaktionsleiterin